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Jahresberichte

Grusswort zum 15-Jahre-Jubiläum von Bernhard Häseli

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Zum 15-Jahr-Jubiläum des Luzerner Tauschnetzes steuere ich gerne ein paar Erinnerungen und Gedanken aus der Gründungsphase dieses komplementär-ökonomischen Netzwerkes bei. Das „Luzerner Tauschnetz“ befindet sich ja nun mitten in der „Pubertät“ - mit allen Entwicklungserscheinungen, die eben zu einer dynamischen Entwicklung dazu gehören…

Ich orientiere mich dabei am vorgelegten Frageraster für euren geschichtlichen Rückblick am Jubiläumsanlass:

Kannst du dich erinnern, wie alles anfing damals mit dem Luzerner Tauschnetz?
Die Arbeit neu erfinden...
Im Herbst 1998 wurde im Rahmen einer Zukunftswerkstatt zum Thema "Arbeit neu erfinden" das Bedürfnis konkret, sich mit dem Thema alternative Ökonomie, Zinswirtschaft und Tauschhandel auseinanderzusetzen. Den TeilnehmerInnen der Zukunftswerkstatt wurde bewusst, dass unser gängiges Wirtschaftsmodell immer mehr Menschen ausgrenzt und zum Nichtstun verurteilt, während diejenigen, die teilhaben dürfen, immer mehr leisten müssen und dabei immer stärkerem Stress ausgesetzt sind. Viele Menschen brennen innerlich aus, Burn-out nennt sich diese moderne Volkskrankheit.

Die Arbeit neu erfinden heisst, dem vertrauten Erwerbsarbeitsmodell andere Nischenmodelle gegenüber zu stellen und sie auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen. Inspiriert wurden wir auch durch die Idee der Schaffung eines zweiten Arbeitsmarktes, die durch den Sozialethiker Hans Ruh vertreten wird. Im Rahmen von vier Informationsabenden im Quartiertreff Sentitreff setzten sich rund 40 TeilnehmerInnen mit der Praxis von verschiedenen, in der Schweiz existierenden Tauschsystemen (Zeittauschen, Talentexperiment, usw.) auseinander. In der Folge bildete sich im Sommer 1999 eine Spurgruppe, getragen von interessierten Einzelpersonen, vom Luzerner Arbeitslosen-Treff und von mir als Leiter des kirchlichen Sozialdienstes St. Karl. Diese Gruppe erarbeitete die Rahmenbedingungen und die nötigen Tauschregeln für die folgende zweijährige Pilot- und Aufbauphase des Tauschnetzes.

Wie bist du dazu gestossen, und was war dein Beitrag in der Startphase? Welche Motivation hat dich bewogen, beim Luzerner Tauschnetz einzusteigen?
Viele Menschen leiden darunter, dass ihre Fähigkeiten und Ressourcen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr genügend gefragt sind.
Das Tauschnetz hat nicht in erster Linie eine sozial- oder wirtschaftspolitische Stossrichtung, sondern zielt ganz praktisch und pragmatisch auf den sozialen Aspekt der Vernetzung von Menschen, die sich über das Tauschen kennenlernen und neue Erfahrungen sammeln möchten. Dabei lassen sich persönliche Fähigkeiten und Ressourcen einbringen, die auf dem gängigen Arbeitsmarkt keinen Marktwert (mehr) haben, weil sie nicht gefragt oder nicht bezahlbar sind.

Als polyvalent tätiger Sozial- und Gemeinwesenarbeiter, in einem Luzerner Quartier mit vielen sozialen Brennpunkten, war es mir immer ein wichtiges Anliegen, Menschen der verschiedensten sozialen Schichten miteinander zu vernetzen, damit soziale und ökonomische Ressourcen sicht- und nutzbar werden können zum Wohl einer lebenswerten und farbigen Quartier- und Lebenskultur. Das ist das zentrale Anliegen einer Gemeinwohlökonomie, die versucht, verschiedene Ebenen des ökonomischen Alltags und Handelns miteinander zu verbinden. Viele Menschen leiden darunter, dass ihre Fähigkeiten und Ressourcen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr genügend gefragt sind und sie dadurch, mangels Geld, ihre Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben nicht mehr sichern können. Solche Menschen geraten dann sehr schnell in die amtlichen Mühlen der Sozialhilfe, der Arbeitslosen- oder Invalidenversicherung, was oft zu einer zusätzlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung aus den sozialen Netzwerken führt. Diese Menschen haben etwas gemeinsam: sie haben meist zu wenig GELD, aber viel ZEIT. „ZEIT statt GELD“ lautete daher das Motto und das Credo des Luzerner Tauschnetzes. Ich war stark motiviert, meine persönlichen und fachlichen Ressourcen in den Aufbau dieses ersten Tauschnetzes der Zentralschweiz zu investieren.

Ich hatte anfänglich noch nicht viel Wissen über die vielen bereits existierenden Modelle von sozioökonomischem Handeln, von Komplementär-Ökonomie oder von ethischen Aspekten von gerechten und nachhaltig wirkenden Austauschbeziehungen. Nach und nach haben mich diese Aspekte immer mehr interessiert und ich habe mich in der praktischen Entwicklungsarbeit in der Pilotphase, zusammen mit andern Mitstreitern, allen voran Urs Häner vom Arbeitslosen-Treff und Christoph Hensch, einem befreundeten Ex-Banker, der sich auch heute noch in Australien lebend für komplementärökonomische Netzwerke engagiert.

Welche eigenen Erfahrungen hast du gemacht mit dem Tauschen?
Als Tauschpartner darf ich mir überlegen, welche Fähigkeiten habe ich, die einem andern Tauschpartner nützlich sein könnten.
Beim Tauschnetz werden zwar auch Dienstleistungen getauscht, die auf dem freien Arbeitsmarkt auch gegen Bargeld zu haben sind. In den meisten Fällen jedoch werden alltägliche Nützlichkeiten angeboten, die sich meist aus brach liegenden Fähigkeiten und Ressourcen ergeben. Als Tauschpartner darf ich mir überlegen, welche Fähigkeiten habe ich, die einem andern Tauschpartner nützlich sein könnten. Die Marktzeitung ist wie eine Menukarte, die mich einlädt zu konsumieren. Ich überlege mir, welches Angebot würde mir Spass machen, was möchte ich mal kennenlernen, mal ausprobieren. Als Hobby-Segler war mein Angebot „Segeln auf dem Vierwaldstättersee“ immer wieder gefragt. Im Weiteren habe ich Steuererklärungen ausgefüllt oder Tarot-Beratungen gemacht für Tauschnetzmitglieder. Andererseits nahm ich mit den erworbenen Zeitgutschriften Gitarrenunterricht und genoss hin und wieder eine Massage. Ich habe beim Tauschen immer wieder Neues gelernt. Viele Tauschnetzmitglieder wurden mir dadurch vertrauter und inspirierten mich auch durch ihr Wirken. Die meisten Stunden investierte ich jedoch in die Strukturarbeit des Luzerner Tauschnetzes. Nach der erfolgreich verlaufenen Pilotphase durfte ich nach der Gründung des Vereins Luzerner Tauschnetz im Jahre 2001 für die ersten vier Jahre als Präsident des Vereins mitwirken.

15 Jahre später: Hat sich dein Denken übers Tauschen verändert? Inwiefern?
Meine Wahrnehmung und Sensibilität für die Besonderheiten dieser alten balinesischen Kultur basieren massgeblich auf meinen Erfahrungen, die ich als Mitglied des Luzerner Tauschnetzes machen durfte.
Ich habe 2011 meine Tätigkeit als Sozialarbeiter beendet, meine Zelte in der Schweiz abgebrochen und lebe nun seit fünf Jahren in meiner zweiten Heimat Indonesien, heute mehrheitlich auf der bekannten Ferieninsel Bali. Hier in Indonesien engagiere ich mich weiterhin als Freiwilliger (auf dem dritten Arbeitsmarkt!) für sozioökonomische Entwicklungsprojekte, wie beispielsweise das Familienstärkungsprogramm des SOS Kinderdorfes in Bali und Flores, oder Projekte im Bereich Abfallrecycling, nachhaltiger Landwirtschaft oder gesunder Ernährung. Die landwirtschaftlichen Wurzeln meiner Vorfahren beginnen sich nun zu entfalten und verbinden sich mit meinen beruflichen Erfahrungen in der Sozialarbeit. Meine Freiheiten, die ich in meiner Zeitgestaltung heute geniesse - zwischen Freiwilligenarbeit und musischen Tätigkeiten - wecken in mir immer wieder neue Ressourcen, Interessen und Aktivitäten. Mein Tätigsein umschreibe ich gerne als „Freischaffender LebensUnternehmer“. Ich versuche mich und andere Menschen in meinem neuen Lebensumfeld, in einem kleinen balinesischen Dorf, zu inspirieren und zu motivieren im täglichen Zusammenleben. Im Grunde sind das alles Werte und Grundsätze, die ich auch im Luzerner Tauschnetz kennengelernt und mitgeprägt habe. Das Motto des Tauschnetzes „ZEIT statt GELD“ steht für eine auf einem lebendigen Dialog basierende Austauschbeziehung. In Bali lernte ich eine Hochkultur kennen, die  seit vielen Generationen eine Gemeinwohlökonomie pflegt und kultiviert, welche das soziale, kulturelle und religiöse Zusammenleben nachhaltig sichert und stärkt. Dieses komplementärökonomische Lebensmodell, in der balinesischen Sprache „Ngaya“ genannt, haben Bernard Lietaer und Margrit Kennedy in ihrem Buch „Regionalwährungen – Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand“ beschrieben. Dieses Lebensmodell ist nicht zuletzt eines der Geheimnisse des touristischen Erfolgsmodells Bali. Im Dorf- und Gemeinschaftsleben ordnet sich die Standardökonomie des Erwerbslebens, die auf der nationalen Währung Rupiah beruht, der unbezahlten Gemeinschaftsökonomie unter. Sicherheit und Lebenskultur werden massgeblich über dieses komplementärökonomische Gemeinschaftsmodell garantiert. Das Tauschen von Zeit und Ressourcen hat also in Bali einen zentralen Stellenwert und ist nachhaltig im Alltag verankert. Dieses Modell basiert auf einem System gegenseitiger Verpflichtungen, das nicht nur auf Freiwilligkeit beruht. Die kapitalistisch geprägte YANG-Kultur (Standardökonomie) beginnt jedoch auch auf Bali diese YIN-Kultur (Komplementärökonomie) zu stören. Ich versuche hier einen Beitrag zu leisten zur Bewusstmachung und Stärkung dieses aussergewöhnlichen Lebensmodells in Bali. Meine Wahrnehmung und Sensibilität für die Besonderheiten dieser alten balinesischen Kultur basieren massgeblich auf meinen Erfahrungen, die ich als Mitglied des Luzerner Tauschnetzes machen durfte.

Möchtest du von Ferne dem Luzerner Tauschnetz etwas mitgeben auf seinem Weg in die Zukunft?
Unsere Zeit braucht Nischen, Freiräume und Experimentierfelder, um neues Denken zu erproben und handlungsfähig zu machen. Unsere Zeit braucht Plattformen wie das Luzerner Tauschnetz.
Ich bin schon seit der Gründung des Luzerner Tauschnetzes davon überzeugt, dass unsere kapitalistische und yang-orientierte Ökonomie ein Auslaufmodell darstellt, das sich selber zunehmend pervertiert. Komplementäre und yin-orientierte Systeme wie das Tauschnetz und viele andere lokale Tauschsysteme und Währungsmodelle werden an Einfluss gewinnen, sobald sich ein neues Bewusstsein für eine nachhaltige und ausbalancierte Lebenskultur immer mehr durchzusetzen beginnt. Die Stärkung und Vernetzung solcher Netzwerke erfolgt nicht zuletzt dank dem Internet. Die Informationen sind vorhanden und abrufbereit! Viele Konzepte liegen praxiserprobt bereit in der Schublade, um irgendwann aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Das gilt auch für das Luzerner Tauschnetz und viele tausend ähnlicher Netzwerke rund um den Globus. Doch für diese längst überfällige Bewusstseinsänderung braucht es vermutlich die Leidenserfahrungen einer grösseren ökonomischen Krise, die unsere Lebenswerte unserer von Angst und Gier gesteuerten Kultur kategorisch in Frage stellt.

Rückblickend bin ich heute froh und dankbar für alle Erfahrungen, die ich im Verlauf meines Tätigseins für das Luzerner Tauschnetz und mit ihm machen durfte. Als einer der Pioniere dieses Netzwerkes bin vielen kreativen und sozial engagierten QuerdenkerInnen begegnet, die mein Denken und Handeln geprägt haben. Diese Erfahrung möchte ich allen Mitgliedern des Luzerner Tauschnetzes mitgeben und wünschen. Unsere Zeit braucht solche QuerdenkerInnen und Pioniere, die neue Wege gehen, welche die Hoffnung auf nachhaltige Veränderungen der Lebens- und Gemeinschaftskultur nicht aufgeben. Unsere Zeit braucht Nischen, Freiräume und Experimentierfelder, um neues Denken zu erproben und handlungsfähig zu machen. Unsere Zeit braucht dialogfähige und lebensbejahende Menschen, die Mut machen können in einer Zeit der Mutlosigkeit, der Mass- und Orientierungslosigkeit. Unsere Zeit braucht Plattformen wie das Luzerner Tauschnetz. Aus diesem Grunde bin ich als LT003 immer noch aktiv und solidarisch beim Tauschnetz dabei, auch wenn ich fern der Heimat nicht mehr wirklich aktiv beim Austausch von Dienstleistungen mit dabei sein kann.

Ich wünsche allen Mitgliedern des Luzerner Tauschnetzes ein farbenfrohes Geburtstagsfest und der ganzen Organisation noch viele weitere Jahre der Weiterentwicklung und des Wachsens in Bezug auf aktiv getätigte Tauschgeschäfte.

Mit lieben Geburtstagsgrüssen aus Bali /Indonesien
Bernhard Häseli
12.11.2016


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